17 March 2026, 22:04

Ein Ostdeutscher dreht den Spieß um: Dokumentarfilm erkundet den Westen Deutschlands

Alte Karte von Stuttgart, Deutschland, zeigt Stadtgrenzen, Straßen, Gebäude und Sehenswürdigkeiten mit detaillierten Textanmerkungen.

Ein Ostdeutscher dreht den Spieß um: Dokumentarfilm erkundet den Westen Deutschlands

Regisseur Matthias Schmidt bricht mit einer alten Tradition. Sein neuer Dokumentarfilm "Wut. Jetzt fahren wir nach Westen" rückt nicht den Osten, sondern den Westen Deutschlands in den Fokus. Jahrzehntelang reisten Journalisten aus dem Westen in den Osten, um das Leben nach der Wiedervereinigung zu erkunden – diesmal aber wirft ein Ostdeutscher einen Blick auf den Westen.

Im Mittelpunkt des Films steht Nordrhein-Westfalen, eine Region, die vom industriellen Niedergang geprägt ist. Schmidt, Preisträger des Grimme-Preises, zeigt die Frustrationen und Erfahrungen von Westdeutschen – von Bergleuten bis zu Migranten – auf eine Weise, die es so noch selten gab.

Schmidts Verbindung zur Region reicht weit zurück. 1989 besuchte er erstmals Nordrhein-Westfalen, um in Lüdenscheid sein Begrüßungsgeld abzuholen. Sein Ansatz für den Dokumentarfilm ist persönlich und unprätentiös. Durch seinen warmen, vorurteilsfreien Umgang mit den Menschen gewinnt er ihr Vertrauen – und ermöglicht so offene Gespräche.

Der Film lässt unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Kerstin Buscha, ursprünglich aus dem ostdeutschen Hoyerswerda, zeigt Schmidt stolz "die Ruhr, unseren Fluss", auch wenn sie den Osten noch immer als ihre eigentliche Heimat betrachtet. Uwe Ziebuhr, Kneipenbesitzer in Wattenscheid, beobachtet, dass die Teilung nachwirkt: "Die Leute bauen die Mauer für sich selbst wieder ein bisschen auf." Burak Yilmaz, ein Deutschtürke aus Duisburg-Marxloh, kritisiert jahrzehntelange Vernachlässigung in seinem Viertel und verweist auf 40 Jahre Unterinvestitionen.

Schmidt spricht auch mit Zugewanderten aus der DDR und dem Soziologieprofessor Raj Kollmorgen. Dieser betont, dass die Besonderheit des Ostens nicht im Ausmaß des Wandels liegt, sondern in dessen Geschwindigkeit. Der Film verzichtet auf politische Pauschalurteile und lässt stattdessen individuelle Geschichten die tieferen Spannungen erkennen.

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Nordrhein-Westfalen wurde wegen der Parallelen zum Osten gewählt. Beide Regionen kämpfen mit Deindustrialisierung und dem Gefühl, missverstanden zu werden. Indem Schmidt die übliche Perspektive umkehrt, wirft er einen neuen Blick auf einen Teil Deutschlands, der oft als selbstverständlich hingenommen wird.

Der Dokumentarfilm zeigt den Westen durch die Augen derer, die dort leben. Er fängt Frustration, Stolz und die stillen Gräben ein, die Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung fortbestehen. "Wut. Jetzt fahren wir nach Westen" beansprucht nicht, alte Debatten zu lösen – aber er gibt Menschen eine Stimme, die sonst selten so gehört werden.

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